Armin Nolzen ist Historiker und gilt als einer der besten Kenner der NSDAP und ihrer Strukturen.

Der Historiker Armin Nolzen kennt die NSDAP bis in die feinsten Verästelungen. Foto: Melanie Longerich

Nolzen ist außerdem auch Redakteur der jährlich erscheinenden Reihe Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus und forscht zur Geschichte der Hitlerjugend, zur Parteigerichtsbarkeit der NSDAP und zur Gewalt gegen Juden. Weitere Interessensschwerpunkte sind die Geschichte der faschistischen Bewegungen im 20. Jahrhundert, die Vergleichende Diktaturforschung, die Geschichte autoritärer Regime nach 1945, die Historische Sozialisationsforschung und die Geschichte von Jugend und Familie. Derzeit arbeitet Nolzen an einer umfassenden Geschichte der NSDAP.

Drei Fragen – drei Antworten

Wer war Mitglied in der Partei – und was brachte es für Vorteile?

Wir wissen heute, dass die etwa zehn Millionen Mitglieder, die die NSDAP von 1926 bis 1945 hatte, überwiegend männlich (zu 90 Prozent), protestantisch und hauptsächlich im Alter zwischen 18 und 45 Jahren waren. Die Vorteile der Parteimitgliedschaft waren im Wesentlichen beruflicher Art. Die NSDAP schuf Verdienstmöglichkeiten für ihre hauptamtlichen Funktionäre und die vielen Angestellten und Arbeiter in ihren Dienststellen und Büros, aber auch für den Mittelstand, der sie mit Dingen aller Art wie Uniformen etc. belieferte. Mitgliedschaft in der NSDAP hieß darüber hinaus, eine Vielzahl materieller, kultureller und sozialer Vorteile erlangen zu können, die Nichtmitgliedern nicht offenstanden. NSDAP-Mitglieder wurden etwa zu Nutznießern der „Arisierungen“, also der Enteignungen von Juden, sie erhielten bevorzugt staatliche Transferleistungen oder konnten sich seit 1939/40 mit Verweis auf ihre „Kriegswichtigkeit“ einigen allgemeinen Dienstpflichten entziehen.

Warum wird die Mitgliedschaft in der NSDAP bei den Nachfahren heute eher als eine Art „Kavaliersdelikt“ eingeordnet?

Dies hat mit der Entnazifizierung seit 1945/46 zu tun, die in ihren Anfängen sehr stark auf das Kriterium „Mitgliedschaft in der NSDAP“ abhob und eine Entfernung des entsprechenden Personenkreises aus allen öffentlichen Ämtern anstrebte. In einer zweiten Phase wurde dies abgeschwächt, und es kam mehr auf den Nachweis „anständigen Verhaltens“ an. Dabei mussten ehemalige NSDAP-Mitglieder dann nachweisen, dass sie sich trotz ihrer Parteizugehörigkeit nichts hatten zu Schulden kommen lassen. Zudem fand die „Entnazifizierung“ in einem Klima statt, in der der Großteil der deutschen Bevölkerung zumindest in den drei westlichen Besatzungszonen die Verschwörungstheorie einer „Siegerjustiz“ kultivierte und sich selbst zum Opfer Hitlers zu stilisieren versuchte. Und diese kollektive „Schuldabwehr“ und das daraus resultierende Herunterspielen der früheren NSDAP-Mitgliedschaft ist dann in die Familienerzählungen der drei nachfolgenden Generationen eingeflossen. Genereller Tenor war: „Opa war zwar in der NSDAP, hat aber dort nur das Schlimmste zu verhüten versucht“.

Was können suchende Enkel*innen heute aus der NSDAP-Karteikarte ihrer Vorfahren herauslesen?

Name, Geburtsdatum, Mitgliedsnummer, Aufnahmedatum, Datum des Aufnahmeantrags, Wohnort, zuständige Ortsgruppe der NSDAP im jeweiligen Gau und ggfs. Informationen zu Austritt, Ausschluss aus der NSDAP und etwaige Dienstzeiten bei der Wehrmacht. Dabei empfiehlt es sich, diese Rohdaten lediglich als Ausgangspunkt für weitere Recherchen zu nehmen. Für eine Bewertung der jeweiligen Persönlichkeit und ihres Handelns reichen sie auf keinen Fall aus.

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