Die Historikerin und Jiddistin Sandra Franz leitet die NS-Dokumentationsstätte in der Villa Merländer in Krefeld.

Sandra Franz leitet seit 2018 die Krefelder NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer. Foto: Melanie Longerich

Die Villa Merländer ist das einstige Wohnhaus des Seidenfabrikanten Richard Merländer, der von den Nazis als Jude verfolgt und später in Treblinka ermordet wurde. Er war aufgrund seiner Homosexualität zudem doppelt im NS-Regime gefährdet. Neben ihren Forschungsschwerpunkten wie Jüdische Gesellschafts- und Emanzipationsgeschichte, Holocaust-Studien, Antisemitismus-Prävention und die britischen Besatzungszone nach 1945 setzt Sandra Franz sich dafür ein, Täterinnen und Täter stärker in den Fokus von Gedenkstätten zu rücken, weil dies für sie bis heute zu selten thematisiert wird.  

Drei Fragen – drei Antworten

Warum ist es schwieriger, etwas darüber rauszufinden, wie sich die eigene Oma in der NS-Zeit verhalten hat, als über den Opa?

Die Rolle der Frau im NS wird nach wie vor – im Grunde entsprechend dem Propagandabild der Nationalsozialisten –  auf Mutterkreuz und Haushalt reduziert. Frauen haben bisher wenig Beachtung in der Forschung gefunden und wenn, dann als Ausnahmeerscheinungen. Das Bild des Systems, in dem Frauen keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten hatten, hat sich lange innerhalb der Geschichtsforschung und auch der juristischen Aufarbeitung gehalten und bot den Täterinnen auch die Möglichkeit, sich hier erfolgreich zu verstecken. Es ist also schwieriger, Forschung hierzu zu finden. In der Recherche ist es aber erstmal genauso einfach oder schwierig wie für männliche Familienangehörige. Es gab Frauen in der SS, wenn auch auf Hilfsgrad. Es gab offizielle Organisationen für Frauen, wo die Mitglieder ebenfalls bürokratisch festgehalten wurden. In der juristischen Aufarbeitungen nach 1945 die Großmutter zu finden, ist schwieriger als den Großvater, auch bei der Entnazifizierung sind die Frauen deutlich einfacher davongekommen. Lokale Gedenkstätten haben sich lange häufig wenig auf Täter*innen konzentriert und werden hier vermutlich gerade wenig zu Frauen haben, das wäre zumindest bei uns der Fall. Zudem kann man hier natürlich nicht über das Militärarchiv nach Wehrmachtstätigkeiten suchen. Aber beginnen kann man hier bei Großvater und Großmutter auf die gleiche Art und Weise, z.B. per Namensanfrage beim Bundesarchiv.

Sie raten, hellhörig zu werden, wenn in Familiengeschichten die Frauen eher nur als Statistinnen auftauchen, warum?

Aus den oben genannten Gründen – wir machen es uns zu einfach, wenn wir Frauen auf das NS-Propagandabild reduzieren. Das wird der Geschichte nicht gerecht, entspricht nicht der Realität und macht es Täterinnen auch unbewusst einfach, hier zu entkommen. Solange sich Frauen in Sphären bewegt haben, in denen sie Männer nicht in ihre eigenen Entfaltungsoptionen „hineingegrätscht“ sind, gab es gute und durchaus genutzte Entfaltungsmöglichkeiten und Einflussbereiche für Frauen.

Wie können Gedenkstätten Enkel*innen bei der Suche nach der eigenen NS-Familiengeschichte weiterhelfen? Was kann man hier finden?

Vermutlich in vielen Fällen (noch) weniger als über die Tätigkeit der Großväter, da die Gedenkstätten nach ihren Gründungen ja erst einmal vor der großen Aufgabe standen, an die ermordeten Opfer zu erinnern, ein Prozess, der gerade bei den „vergessenen“ Opfergruppen wie z.B. als „Asoziale“, Sinti und Roma oder nach §175 verfolgte noch bei Weitem nicht abgeschlossen ist und auch bei Gruppen, die uns gesellschaftlich stärker präsent sind, wie z.B. als jüdisch verfolgte Menschen, immer wieder neue Namen auftauchen. Rein von der Arbeitskapazität her, aber auch aufgrund des gesellschaftlichen Interesses, hat sich der Fokus erst spät und langsam zur Täter*innenforschung hinbewegt. Oftmals waren hier bereits Quellen verloren gegangen, als vermeintlich uninteressant nicht aufgehoben worden, oder es war gelungen, Spuren erstmal zu verwischen. Und da es natürlich trotzdem proportional mehr Täter als Täterinnen gab, gibt es zu Frauen weniger Informationen. Aber die Gedenkstätten können an überregionale Archive verweisen, die Dokumente haben könnten, sie können helfen, Familiengeschichten und vielleicht auf dem Dachboden oder in Schubladen gefundene Dokumente richtig einzuschätzen, und sie unterstützen gerne bei der eigenen Recherche.

Wenn Ihr mehr wissen wollt …

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