#18 Marcus und Julia

Marcus Großvater, das Bild wurde 1935 aufgenommen in 
Deventer. Drei Jahre später tritt er in die NSDAP ein.

„Über Zeitungsberichte bin ich meinem Großvater auf die Schliche gekommen: Werner, Jahrgang 1910, wohnt mit seinen Eltern in Berlin, wird Friseur im Laden seines Vaters und wächst in den Goldenen Zwanzigern auf. Wahrscheinlich gibt es einen Einschnitt als es zur Wirtschaftskrise kommt, nichts darüber ist in der Familie überliefert. Ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers verlassen sie Berlin und gehen nach Holland. So die ‚Familiengeschichte‘. Bis zu diesem Punkt dachte ich immer, auch nach der Geschichte um Anne Frank, Deutsche verließen Deutschland, weil sie aufgrund ihres jüdischen Glaubens verfolgt wurden. Irgendwann in den 2010-er Jahren googelte ich mich durchs Internet und suchte nach der Stadt in Holland, Deventer, in Verbindung mit der dort ansässigen Tageszeitung. Die Holländer haben ein tolles Online-Zeitungs-Archiv.

Familiengeschichte bekam Risse

Ja, und da finde ich auch schon einen Eintrag aus 1934: ‚Neue Bewohner in der Stadt‘ u.a. wird mein Großvater genannt. In Deventer eröffnet er wieder einen Friseursalon mit seinen Eltern. Sein Name findet sich in Zeitungsbeiträgen ab 1940 wieder. Nun begrüßt der NSDAP-Ortsgruppenleiter Werner E. Gäste aus dem Reich und Amsterdam zu Kundgebungen in der Stadt.
Damit hatte ich nicht gerechnet, das Märchen von der politischen Flucht aus Deutschland war damit passé. Intensiver konnte ich in dieses Kapitel nicht reinschauen. Es blockiert mich etwas. Selbstverständlich habe ich mir die ganze Sache auch vor Ort angesehen. Allerdings konnte ich dort niemanden dazu ansprechen…wie macht man das auch.

Verordneter Antifaschismus lässt Nazis nicht zu

Ich bin im Osten geboren und war zehn zur Wende, bis dato war Antifaschismus höchstes Gut, es war undenkbar, dass in der DDR Nazis untergetaucht waren – das gab’s nur im Westen. Nach dem Krieg kam mein Großvater nach Deutschland zurück und blieb in der SBZ hängen – der Liebe wegen, hieß es immer. Seine Entnazifizierungsakte umfasst nur eine Seite. Er entnazifizierte sich selbst, er heiratete eine 21 Jahre jüngere Frau. Sie kam aus einer Arbeiterfamilie, die nach 1945 aus Danzig nach Mitteldeutschland flüchtete und stellte keine Fragen.“

Auf Instagram erzählt Marcus unter @ahnenstory mehr über seine Suche nach den einzelnen Familienmitgliedern.