Foto: privat

Meine Recherchen starten im Jahr 2012 und dauern – mit ein paar Jahren Unterbrechung – bis heute an. Sie beginnen beim Bundesarchiv, führen weiter zur WASt, zu einem Wissenschaftler der Universität Köln und bis in die Wohnung eines rechtsextremen Autors. In mir etwas wusste immer, dass es etwas aufzudecken gibt. Als ich schließlich über dem Haufen Akten sitze und auf das Ausmaß seiner Taten blicke, bin ich geschockt. Dann vor allem wütend. Wie konnte so jemand ungestraft davonkommen? Wieso kann ich all diese Beweise zusammentragen, aber die deutsche Justiz jahrelang schlafen? Doch die Frage, was es bedeutet, die Enkelin eines Massenmörders zu sein, blende ich sehr lange aus.
Heute, 22 Jahre nach dem Tod meines Großvaters, weiß ich, dass er als junger Mann der SS beitrat, seinen Dienst im KZ-Dachau antrat und dabei war, als das Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ in der Bucht von Danzig den Angriff auf Polen und damit den 2. Weltkrieg begann. Zwischen 1939 und 1942 wütete er mit dem SS-Totenkopf-Infanterie-Regiment in Polen, Frankreich, Lettland und Russland. Als Hauptscharführer der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ war er an Kriegsverbrechen in Italien beteiligt. Nach dem Krieg gelang es ihm unbestraft unterzutauchen. Bis zu seinem Tod war er Mitglied der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG).

Blickwechsel aus Zufall

Foto: privat

Während ich in den ersten Jahren meiner Suche sehr darauf fokussiert bin, herauszufinden, an welchen Verbrechen mein Großvater während des Krieges beteiligt war, ergibt sich durch einen seltsamen Zufall ein Blickwechsel auf sein Leben nach dem Krieg. Im November 2019 blättere durch eines der vielen Bücher in der Hoffnung, irgendwann doch einmal ein Bild mit ihm oder seinen Namen zu lesen. Und da ist es. Vor mir der Abdruck eines Fotos, das ich selbst im Original besitze. Mein Großvater zwischen zwei anderen SS-Mitgliedern. Hinter ihnen das Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“ im Hafen von Danzig, Sommer 1939. Wie kam das Bild in dieses Buch? Der Autor ist ein rechtsextremer Verleger, dem ich vorsichtig schreibe. Es gelingt mir, ein Treffen zu vereinbaren und er lässt mich einen Blick in seine Fotosammlung werfen. Auch meinen Großvater entdecke ich auf einigen Bildern, die von Angehörigen der HIAG über Jahren gesammelt wurden. Ein Verbund, der bis in die 2000er fortbestand. Keine Reue. Keine Schuld. Keine Verurteilung.

Aufbruch ins Ungewisse

Über das Leben meines Großvaters wurde in meiner Familie nie gesprochen. Es ist, als würde ich durch meine Recherchen nun eine zweite Person auferstehen lassen. Ohne genau zu wissen, was mich bei der Suche eigentlich antreibt, ohne zu wissen, wohin ich mit all diesen zusammengetragenen Informationen will. „Nicht die Gestorbenen sind es, die uns heimsuchen, sondern die Lücken, die aufgrund von Geheimnissen anderer in uns zurückgeblieben sind“ (Nicholas Abraham, Aufzeichnungen über das Phantom, 1975). Diesem Zitat begegnete ich in Philippe Sands Roman „Rückkehr nach Lemberg“.
Und ich glaube, auch bei mir ist es die Lücke und das Füllen, das mich bei meiner Suche antreibt.