#15 Karina Urbach

Links und Hintergründe zu #15

Unser Gast heute ist die Historikerin Karina Urbach, die in „Das Buch Alice“ die Geschichte ihrer jüdischen Großmutter, der Wiener Kochbuchautorin Alice Urbach, recherchiert hat und dabei auf ein nahezu unbekanntes Kapitel der NS-Verbrechen stieß.

Alice und ihre Familie

Alice Vater Sigmund Mayer schrieb u.a. das Buch „Die Wiener Juden. Kommerz, Kultur, Politik 1700-1900“, Wien/Berlin 1917.

Sein Gegenspieler in Wien war der antisemitische Wiener Bürgermeister Karl Lueger.

Das Leben ihres Vaters Otto Urbach – als Agent des US-amerikanischen Geheimdiensts im Nachkriegsdeutschland und der frühen Bundesrepublik, ist eingeflossen in Karina Urbachs Agenten-Thriller „Camebridge 5 – Zeit der Verräter“, den sie unter dem Pseudonym Hannah Coler geschrieben hat.

Karina Urbachs Mutter Wera Frydtberg war in den 1950er Jahren eine bekannte Schauspielerin.

Die Recherche

Der lateinische Begriff „matricula“ bezeichnet Verzeichnisse, Register und Listen aller Art und bezieht sich oft auch auf Kirchenbücher (Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher). Neben Unterlagen aus dem eigenen familiären Umfeld und Dokumenten aus staatlichen und kommunalen Archiven kommt bei der Familienforschung den Matrikeln wegen ihres Alters und ihrer weitgehenden Vollständigkeit eine zentrale Rolle zu.

Buch-Raub

Der „Anschluss“ Wiens am 12. März 1938 veränderte das Leben von Alice Urbach und der jüdischen Bevölkerung Wiens komplett.

Nicht nur das Kochbuch von Alice wurde „arisiert“ und damit deren geistiges Eigentum geraubt – auch andere Verlage entledigten sich ihrer jüdischen Autorinnen und Autoren und ersetzten sie durch überzeugte Nationalsozialist*innen. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 9.12.2020 hat Karina Urbach dieses bislang wenig aufgearbeitete Vorgehen der Verlage beschrieben.

Der „Palandt“ ist eines der zentralen Werke in der deutschen Rechtsprechung und im Jura-Studium. Auch hier war der Mann hinter dem Namen überzeugter Nationalsozialist. Otto Palandt (1877-1951) war ein führender Funktionär im Reichsjustizministerium. Sein Name prangt bis heute auf dem wichtigsten Nachschlagewerk zum Bürgerlichen Gesetzbuch, dem BGB. Gerade ist die 80 im C.H.Beck-Verlag erschienen. Der hat stets abgelehnt, das Buch umzubenennen – obwohl dies schon länger grüne Landesjustizminister und auch die SPD-Justizministerien Christine Lambrecht fordern. Anfang Mai 2021 hat sich auch Bayerns Justizminister Georg Eisenreich von der CSU der Kritik angeschlossen. Er hat das in München ansässige Institut für Zeitgeschichte (IfZ) beauftragt, die Lebensgeschichte des NS-Juristen Palandt unter die Lupe zu nehmen und ein Gutachten zu veröffentlichen.

Ein zweiter prominenter Fall ist „Knaurs großes Gesundheitslexikon“, das wohl heute noch in vielen deutschen Bücherschränken steht und bis 2002 verlegt wurde. Der ursprüngliche Herausgeber 1930 war der jüdische Arzt Josef Löbel – allerdings nur bis 1940. Auch Löbel verlor nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 über Nacht alles: seine Wohnung, sein Einkommen und sein Werk. In mühevoller Kleinarbeit hat der Medizinhistoriker Peter Voswinckel nachgezeichnet, warum fortan als Herausgeber von Knaurs Gesundheitslexikon ein gewisser Peter Hiron formierte – ein Pseudonym des NSDAP-Mitglieds Dr. med. Herbert Volkmann, der umgehend begann, das Nachschlagewerk etwas „zeitgemäßer“ zu gestalten, indem er Einträge wie ‚Erbgesundheit“, „Rasse“ und „Kampfgasvergiftung“ hinzufügte und dafür Einträge wie „Homosexualität“ strich.

„Nach 1945 wurden Legenden gezimmert“, Gespräch mit dem Historiker Reinhard Wittmann über Verlage in der NS-Zeit in der Sendung @mediasres/Deutschlandfunk, 15.01.2020

„Der milde Blick. Wie deutsche Verlage mit ihrer NS-Geschichte umgehen“, Beitrag von Philipp Gessler in: Zeitfragen/Deutschlandfunk Kultur, 19.05.2017″

Mehr Infos zum NS-Reichsnährstand gibt’s auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

Privat- und Adelsarchive

Karina Urbach: „Hohenzollern und Nationalsozialismus. Militarismus und echte Führerliebe“, taz, 31.1.2021

Karina Urbach: „‘England is pro-Hitler‘: German popular opinion during the Czechoslovakian crisis 1938″, in: Julie Gottlieb, Daniel Hucker, Richard Toye (eds.), The Munich crisis, politics and the people, Manchester University Press 2021

Der amerikanische Journalist Poultney Bigelow pflegte enge Kontakte zu den Hohenzollern

Kilb, Andreas: „Expertenrunde zu Hohenzollern. Alle einig gegen Preußen“, FAZ, 3.2.2021

Karina Urbach: [„Nützliche Idioten. Die Hohenzollern und Hitler“], erschienen in: Thomas Biskup, Truc Vu Minh, Jürgen Luh (Hg.): „Preußendämmerung. Die Abdankung der Hohenzollern und das Ende Preußens“, Research Center Sanssouci für Wissen und Gesellschaft 2019, S. 65-93

Kilb, Andreas: „Neues zu den Hohenzollern. Prinz im Fatherland“, FAZ, 7.9.2019

Der Coburger Adel und die Nazis

Das Glamour-Paar Königin Victoria und Prinz Albert ist heute ein wichtiger Faktor im Coburger Stadtmarketing.

Karina Urbach: „Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht“, wbg Theiss 2019, 15 Euro

Mehr über die Forschungen zu Coburg hört Ihr in einem Vortrag auf Englisch von Karina Urbach zu ihrem Buch „Go-Betweens for Hitler (Hitlers heimliche Helfer)“ am Institute for Advanced Study in Princeton am 22.1.2016

„The Sun: Hier zeigt die Queen den Hitlergruß!“, Abendzeitung München, 18. Juli 2015

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Carl Eduard am 4. Juni 1945 in Coburg von der US-Armee verhaftet und bis Ende 1946 interniert. Anfangs noch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, wurde er 1950 im Spruchkammerverfahren nach mehreren Berufungsverfahren als Mitläufer eingestuft und zu einer Sühneleistung von 5000 DM verurteilt. Für seine britische Verwandtschaft war der Coburger Fürst fortan der Sündenbock. Er durfte nicht zur Krönung von Elisabeth, sondern hat sich das in einem Kino in Coburg angeschaut. Zu seiner Persönlichkeit gibt es eine gute Doku auf Youtube, allerdings in Englisch.